Nächstenliebe – Ein geflügeltes Wort?

Nächstenliebe ist ein weitreichender Begriff. Daraus ergibt sich auch die Frage: Wo fängt sie an und wo hört sie auf? Gerade heute, in Zeiten von Corona ist Nächstenliebe gefragt wie nie. Täglich hören wir es in den Medien: Wir müssen mehr denn je zusammenhalten! Die Politiker bitten, dass wir uns um alte Menschen kümmern, die vielleicht hilflos und alleine leben. Wir sollen ihnen unsere Hilfe in alltäglichen Dingen anbieten, wie Einkaufen, den Hund ausführen, Besorgungen machen.

Das ist gelebte Hilfsbereitschaft, das ist Nächstenliebe. Nächstenliebe kann in der momentanen Situation aber auch bedeuten, keine Corona-Partys zu feiern, das eigene Leben zugunsten anderer Menschen, besonders derer, die als Risikogruppen gelten, einzuschränken, um sie nicht anzustecken. Nächstenliebe kann aber auch ein Wort des Dankes an eine völlig überforderte Supermarkt-Angestellte sein, der wir unseren Respekt damit zollen. Nächstenliebe – Das kann sehr vieles bedeuten und sich in fast alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens auf diesem Planeten erstrecken.

Nächstenliebe als Beruf

Das Wort Beruf kommt von Berufung. Viele Menschen fühlen sich dazu berufen, anderen zu helfen. Damit ist in erster Linie das Pflegepersonal, wie etwa der Altenpfleger, der einer Seniorin dabei hilft, sich die Schuhe anzuziehen, gemeint. Aber generell auch alle, die in medizinischen Bereichen arbeiten. Auch sie haben ein besonderes Bedürfnis, anderen zu helfen, was ebenfalls eine Art von Nächstenliebe darstellt, auch wenn sie gegen Bezahlung stattfindet.

Schon in der Bibel ist die Rede von Nächstenliebe. Dies drückt sich sehr schön in dem Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ aus. Aber wie hat die Realität bisher ausgesehen? Seien wir ehrlich: Interessiert uns das Schicksal eines Menschen, der Tausende von Kilometer weit von uns weg wohnt, wirklich? Wenn er beispielsweise bei einem Erdbeben seine Nächsten verloren hat und hemmungslos in die Kamera weint? Es interessiert uns, vielleicht für den Moment, in dem wir den Bericht im Fernsehen vorgesetzt bekommen. Und danach? Es kann und es darf uns weiter interessieren, wie es diesem Menschen ergeht, wenn er alles verloren hat.

Wir können auch einen völlig fremden, in einem anderen Land lebenden, Menschen unsere Nächstenliebe erfahren lassen, zum Beispiel indem wir eine Geld- oder Sachspende leisten, um diesem Menschen beim Wiederaufbau zu helfen. Auch das ist Nächstenliebe. Nächstenliebe kann man auch einfach als Interesse am Anderen definieren. Dazu ist es nicht nötig, ihn zu lieben oder zu mögen. Es ist ein Aspekt der Menschlichkeit. Wir Menschen wurden vom Schöpfer mit Gefühlen ausgestattet und Gefühle sind da, um gelebt zu werden.

Jeder einzelne hat Bereiche im täglichen Leben, in denen er Nächstenliebe aktiv leben kann. Manchmal genügt bereits ein kleiner Blick über den Tellerrand, der uns die Augen öffnet. Oft ist die Möglichkeit nur einen Flügelschlag entfernt, und die anschließenden, dankbaren Blicke oder Worte des anderen sind oft wie Balsam für unser eigenes Wohlbefinden.